Noch ein Muster lösen, noch einen Trigger verstehen, noch eine alte Verletzung heilen. Doch was, wenn wir uns bei all der Arbeit an uns selbst irgendwann eine ganz andere Frage stellen sollten?
Was, wenn nicht alles repariert werden muss?
Wenn wir uns mit Persönlichkeitsentwicklung und Spiritualität beschäftigen, kann schnell das Gefühl entstehen, dass es immer noch etwas gibt, woran wir arbeiten könnten.
Noch ein altes Muster erkennen. Noch einen Glaubenssatz lösen. Noch tiefer in die eigene Vergangenheit eintauchen. Noch einen Trigger verstehen. Noch eine Verletzung heilen.
Und versteh mich nicht falsch: Ich halte diese Arbeit für unglaublich wertvoll. Ich selbst beschäftige mich seit fast zwei Jahrzehnten immer wieder mit meinen eigenen Themen, schaue hin, reflektiere, löse und versuche zu verstehen. Vieles davon hat mich wachsen lassen und tiefgreifend verändert.
Doch irgendwann ist in mir eine Frage aufgetaucht:
Was sagen wir uns eigentlich selbst, wenn wir ständig nach dem nächsten Thema suchen, das noch geheilt, gelöst oder verändert werden muss?
Denn ganz unbewusst kann darin eine Botschaft liegen: So, wie ich jetzt gerade bin, bin ich noch nicht richtig. Ich muss erst noch dieses oder jenes verändern, bevor ich wirklich frei, glücklich oder ganz sein kann.
An diesem Punkt finde ich es wichtig, eine gute Balance zu finden. Denn Persönlichkeitsentwicklung sollte für mich nicht bedeuten, das eigene Sein im Hier und Jetzt abzulehnen. Wir dürfen uns entwickeln, alte Verletzungen anschauen und an unseren Themen arbeiten, ohne uns dabei selbst zu einer endlosen Baustelle zu machen.
Nicht jedes Gefühl muss sofort analysiert werden. Nicht jede Unsicherheit muss verschwinden. Nicht jeder Rückschritt bedeutet, dass wir noch nicht weit genug sind. Ich sehe darin auch eine gewisse Milde uns selbst gegenüber, eine mütterliche Wärme, die sagen kann: Wir lassen dieses Thema jetzt einfach einmal stehen. Wir beobachten, was sich zeigt, ohne sofort etwas verändern oder in Aktion kommen zu müssen. Vielleicht darf Entwicklung auch bedeuten, dass wir lernen, einfach mit uns zu sein.
So dass ich mich fragen kann: Was darf ich noch lernen? Und gleichzeitig wissen:
So, wie ich heute bin, darf ich trotzdem schon ganz sein.
Und was, wenn die größte Heilung gar nicht darin liegt, irgendwann alles in uns geheilt, gelöst und bearbeitet zu haben?
Was, wenn die größte Heilung darin liegt, unser Menschsein voll und ganz mit all seinen Facetten anzunehmen?
Mit unserer Stärke und unserer Verletzlichkeit. Mit unserer Freude und unserer Traurigkeit. Mit unserem Vertrauen und den Momenten, in denen wir wieder Angst haben. Mit den Anteilen, die bereits im Licht stehen, und denen, die vielleicht noch etwas Zeit brauchen.
Ich glaube, wir sind nicht hier, um irgendwann eine perfekte, vollständig „geheilte“ Version von uns selbst zu werden. Wir sind hier, um uns daran zu erinnern, wer wir in unserem tiefsten Inneren wirklich sind.
Uns zu erlauben, mit allem was ist, da zu sein.
So können wir unser inneres Licht in die Welt tragen. Nicht erst dann, wenn wir keine Ängste, keine Muster und keine Verletzungen mehr haben. Sondern jetzt.
Vielleicht ist genau das Heilung:
Nicht alles an uns reparieren zu müssen, sondern uns selbst so tief anzunehmen, dass auch das Unperfekte einen Platz haben darf.
